# V1 Der erste Törn der Viserion – oder: Wenn aus Sassnitz plötzlich Dänemark wird
Aktualisiert: 1. Sept.
Eigentlich war alles genau geplant: Von Neustadt über Kühlungsborn und Warnemünde sollte es nach Sassnitz gehen. Dort wollten wir am Wochenende den SailGP erleben und anschließend über Hiddensee zurück nach Neustadt segeln.
Doch wie so oft beim Segeln hatte das Wetter – und zunächst auch die Technik – andere Pläne.
So wurde aus unserem SailGP-Törn die erste richtige Reise mit der SY Viserion. Eine Reise mit technischen Problemen, einer spontanen Kursänderung nach Dänemark, einem ungeplanten Hafentag auf Bogø, Gewittern, Hagel, Starkwind, einer Nacht vor Anker – und am Ende einer wunderbaren Rückfahrt über die Ostsee.
Vor allem aber war es eines: das erste Mal Leinen los mit unserer Viserion.
Tag 1 – Leinen los! Oder auch nicht …
Da war er endlich: der Moment, auf den wir so lange gewartet hatten.
Zum ersten Mal sollte es mit der Viserion von unserem Liegeplatz in der ancora Marina in Neustadt hinaus auf die Ostsee gehen. Unser Zuhause für die nächsten Jahre liegt mit seinen rund 1.400 Liegeplätzen direkt an der Lübecker Bucht – eigentlich der perfekte Ausgangspunkt für unsere zukünftigen Reisen.
Motor an, Crew bereit, die ersten Leinen los.
Doch halt.
Als wir gerade die letzte Leine lösen wollten, stellten wir fest: Das Bugstrahlruder funktioniert nicht.
Also Kommando zurück.
Leinen wieder fest und Fehlersuche.
Zunächst kontrollierten wir sämtliche Schalter und Sicherungen. Auch unser netter Stegnachbar unterstützte uns bei der Suche. Ohne Erfolg.
Also Anruf bei der Werft.
Per Telefonsupport arbeiteten wir uns – bewaffnet mit dem Messgerät – Schritt für Schritt durch die Anlage. Schließlich konnten wir den Fehler eingrenzen: Das Sicherheitsrelais des Bugstrahlruders schien defekt zu sein.
Damit aber noch nicht genug.
Bei der weiteren Kontrolle entdeckten wir plötzlich Wasser in der Bilge der Vorschiffskabine.
Nicht unbedingt das, was man auf dem allerersten Törn seines neuen Bootes entdecken möchte.
Also begann Fehlersuche Nummer zwei.
Zum Glück war auch hier die Ursache schnell gefunden: Eine Schlauchschelle der Deckswaschanlage war nicht richtig angezogen worden. Kein dramatisches Problem – aber natürlich musste auch das behoben werden.
Nach erneuter Rücksprache mit der Werft stand fest: Am nächsten Morgen würde jemand vorbeikommen und das defekte Relais austauschen.
Damit war unser erster Segeltag beendet, bevor er überhaupt begonnen hatte.
Wir machten das Beste daraus und nutzten den Tag, um die bisher eher provisorisch verstaute Ausrüstung an Bord endlich vernünftig einzusortieren.
Nicht ganz der geplante Start.
Aber vermutlich eine ziemlich passende erste Lektion für unsere kommenden Reisen:
Ein Plan ist beim Segeln zunächst einmal nur ein Vorschlag.
Tag 2 – Jetzt aber wirklich: Leinen los!
Am nächsten Morgen begann gegen 8:00 Uhr die Reparatur des Sicherheitsrelais.
Gegen Mittag war es endlich soweit.
Leinen los – diesmal wirklich.
Unser ursprüngliches Tagesziel Warnemünde war aufgrund der verlorenen Zeit kaum noch realistisch. Also beschlossen wir, zunächst Richtung Kühlungsborn zu segeln. Wenn Wind und Geschwindigkeit passen würden, könnten wir eventuell noch weiter Richtung Rostock fahren.
Kaum hatten wir die Lübecker Bucht erreicht, gingen die Segel hoch.
Bei rund 10 Knoten Wind liefen wir mit ungefähr 6 Knoten Fahrt Richtung Osten.
Und plötzlich war all der Ärger des Vortages vergessen.
Viserion segelte.
Unser Boot war endlich dort, wo es hingehört.
Auf See.

Gegen 19:00 Uhr näherten wir uns Kühlungsborn. Hinter uns zog allerdings eine kräftige Regenfront heran. Unser Ziel war klar: möglichst vor ihr im Hafen festmachen.
Fast geschafft.
Ausgerechnet in dem Moment, als die erste Leine über den Fingersteg sollte, erreichte uns die Front. Regen und kräftige Böen machten aus dem eigentlich unkomplizierten Anlegemanöver noch einmal eine kleine Herausforderung.
Mit etwas Arbeit lag Viserion schließlich sicher am Steg.
Der moderne Bootshafen Kühlungsborn bietet Gastliegern eine gute Infrastruktur mit Hafenbüro, Tankstelle und Versorgungsmöglichkeiten – und vor allem liegt man nur wenige Schritte von Promenade, Restaurants und Ostseestrand entfernt.
Nach diesem ersten echten Segeltag hatten wir uns das Abendessen im Hafenrestaurant jedenfalls verdient.
Danach ging es zurück an Bord und der Abend klang gemütlich im Cockpit aus.
Der erste richtige Segeltag der Viserion war geschafft.
Tag 3 – Planänderung: Kurs Dänemark
Am nächsten Morgen mussten wir eine Entscheidung treffen.
Durch unsere verspätete Abfahrt lagen wir bereits hinter unserem ursprünglichen Zeitplan. Gleichzeitig wurden für das Wochenende sehr starke Winde vorhergesagt.
Sassnitz auf Biegen und Brechen erreichen?
Nein.
Wir entschieden uns gegen den SailGP und damit gegen das eigentliche Ziel unseres Törns.
Natürlich war das schade. Aber genau das gehört für mich zum Fahrtensegeln: Nicht der Termin bestimmt den Kurs, sondern Wetter, Boot und Crew.
Also drehten wir den Bug nach Norden.
Neues Ziel: Dänemark.
Und plötzlich ergab sich eine ganz andere Möglichkeit.
Das Smålandsfahrwasser stand schon länger auf meiner persönlichen To-do-Liste. Die geschützten Gewässer zwischen Seeland, Lolland, Falster und den kleineren dänischen Inseln sind ein wunderbares Revier für Fahrtensegler.
Unser erstes Ziel sollte Stubbekøbing auf Falster werden.
Die Überfahrt verlief angenehm unspektakulär. Unterwegs änderte ich allerdings noch einmal den Plan. Statt nach Stubbekøbing liefen wir den kleinen Hafen auf Bogø an.
Eine gute Entscheidung.

Bogø liegt zwischen Møn und Falster am Grønsund. Die Insel war früher stark von der Seefahrt geprägt und besaß zwischen 1865 und 1929 sogar eine eigene Navigationsschule.
Genau die richtige Umgebung also für einen ruhigen Abend mit dem Boot.
Dachten wir zumindest.
Denn kaum lagen wir im Hafen, wurde Viserion von einer unglaublichen Menge kleiner Fliegen belagert.
Gefühlt Milliarden.
Das Cockpit war damit für diesen Abend gestrichen.
Also hieß es: Schotten dicht.
Wir kochten bei Rotlicht im Salon und machten es uns unter Deck gemütlich.
Auch das gehört offenbar zum Abenteuer Fahrtensegeln.
Tag 4 – Starkwind und ein Tag auf Bogø
Der Wind hatte deutlich aufgefrischt.
Wir beschlossen deshalb, Viserion im Hafen zu lassen und einen Hafentag einzulegen.
Zeit also, Bogø etwas genauer zu erkunden.
Unser Spaziergang führte uns unter anderem zur Bogø Mølle, dem weithin sichtbaren Wahrzeichen der Insel. Die heutige Holländerwindmühle wurde 1852 errichtet, nachdem ihre Vorgängerin abgebrannt war.

Sie blieb bis 1965 in Betrieb und steht heute unter Denkmalschutz. Von ihrer erhöhten Lage hat man einen wunderbaren Blick über den Grønsund bis nach Falster.

Mindestens genauso interessant war das Treiben unten am Fähranleger.
Hier fährt die historische Holzfähre IDA zwischen Bogø und Stubbekøbing.
Die IDA wurde 1958/59 auf der Werft in Stege gebaut und gehört heute zu den wenigen alten dänischen Holzfähren, die noch regelmäßig eingesetzt werden. Die Überfahrt über den Grønsund dauert gerade einmal rund zwölf Minuten. Fußgänger, Fahrräder, Motorräder und sogar Autos werden mitgenommen.
Ein wunderschönes Stück dänischer Seefahrtsgeschichte.

Unser ungeplanter Hafentag entwickelte sich damit zu einem richtig schönen Urlaubstag.
Und langsam mussten wir darüber nachdenken, wie wir wieder nach Neustadt kommen würden.
Tag 5 – Eine Entscheidung und vier harte Stunden auf See
Für den Rückweg hatten wir zwei Möglichkeiten.
Variante eins führte gegen Wind und Strom durch den Guldborgsund und anschließend durch das Smålandsfahrwasser. Dort waren vergleichsweise moderate Bedingungen vorhergesagt.
Variante zwei führte zurück Richtung Gedser und von dort über die offene Ostsee nach Deutschland.
Dort waren allerdings deutlich stärkere westliche Winde angesagt.
Da unser Zeitplan inzwischen etwas aus dem Ruder gelaufen war, entschieden wir uns für die vermeintlich schnellere Variante über Gedser.
Wie sich später herausstellen sollte:
Das war nicht unsere cleverste Entscheidung.
Zunächst lief alles gut.
Wir arbeiteten uns Richtung Süden entlang Falster vor. Gelegentliche Böen um 25 Knoten schüttelten uns zwar ordentlich durch, waren aber noch gut beherrschbar.
Dann erreichten wir die Südspitze Falsters.
Und die Ostsee zeigte uns sehr eindrucksvoll, wer hier das letzte Wort hat.
Kaum waren wir um die Spitze herum, lag südlich von uns das Verkehrstrennungsgebiet – und gleichzeitig baute sich um uns herum immer schlechteres Wetter auf.
Auf dem Radar tauchten ständig neue Gewitterzellen auf.
Wir versuchten nach Süden zu kommen.
Keine Chance.
Hagel.
Starkregen.
Böen.
Immer wieder musste ich mit dem Wind ablaufen – gleichzeitig mussten wir darauf achten, nicht ungewollt in das Verkehrstrennungsgebiet zu geraten.
Gedser anzulaufen war ebenfalls keine vernünftige Option mehr. Gegen die Böen hätten wir den Hafen nur schwer erreicht, und auch ein Anlegemanöver unter diesen Bedingungen erschien uns nicht sinnvoll.
Also blieb uns nur eines:
Warten.
Mehr als vier Stunden liefen wir immer wieder auf und ab.
Ein Stück nach Süden.
Wieder ablaufen.
Neue Gewitterzelle.
Neuer Versuch.
Wieder zurück.
Irgendwann geht es bei solchen Situationen nicht mehr darum, möglichst schnell irgendwo anzukommen. Es geht nur noch darum, Boot und Crew sicher durch die Situation zu bringen.
Gegen 21:00 Uhr traf ich schließlich die Entscheidung:
Abbruch.
Wir liefen zurück Richtung Ostküste von Falster und suchten uns dort einen geschützten Ankerplatz.
Gegen 22:00 Uhr fiel endlich der Anker.
Ruhe.
Nach diesem Tag brauchten wir vor allem eines: Schlaf.
Das Abendessen fiel entsprechend pragmatisch aus.
Erbsensuppe aus der Dose.
Selten hat eine Dose Erbsensuppe wahrscheinlich besser geschmeckt.
Tag 6 – Die Ostsee kann auch anders
Am nächsten Morgen wachten wir mit dem Sonnenaufgang auf.
Und es war kaum zu glauben.
Die Sonne schien.
Der Wind hatte deutlich nachgelassen.
Die Ostsee, die uns wenige Stunden zuvor noch ziemlich eindrucksvoll ihre Zähne gezeigt hatte, präsentierte plötzlich ihr anderes Gesicht.
Um 7:00 Uhr hieß es:
Anker auf.
Diesmal kamen wir problemlos an Gedser vorbei.
Kurs SSW Richtung Neustadt.
Und dann lief Viserion.
Wir rauschten Richtung deutsche Küste und konnten endlich die Seemeilen machen, die am Vortag schlicht nicht möglich gewesen waren.
Erst am Eingang zur Lübecker Bucht schlief der Wind langsam ein.
Also Segel runter, Motor an.

Die letzten Meilen liefen wir bei herrlichem Sonnenschein Richtung Neustadt.
Nach dem Vortag fühlte sich diese ruhige Ostsee fast unwirklich an.
Zeit, die vergangenen Tage noch einmal Revue passieren zu lassen.
Gegen 19:30 Uhr machten wir wieder an unserem Liegeplatz in der ancora Marina fest.
Die erste Reise der Viserion war beendet.
Und jetzt gab es nur noch ein Ziel:
Pizza und ein kühles Bier in Meyer's Sea Lounge.
Nicht nach Sassnitz – und trotzdem genau der richtige erste Törn
Geplant waren Sassnitz, Rügen und der SailGP.
Bekommen haben wir Kühlungsborn, Bogø, eine historische Fähre, eine alte Windmühle, Starkwind, Gewitter, Hagel, einen ungeplanten Ankerplatz vor Falster und eine Dose Erbsensuppe.
Und vielleicht war genau das der viel bessere erste Törn für unsere Viserion.
Wir haben in wenigen Tagen unglaublich viel über das neue Boot gelernt.
Wir haben die ersten technischen Probleme gesucht und gelöst.
Wir haben gelernt, wie Viserion bei wenig Wind läuft.
Wir haben erlebt, wie sie sich bei deutlich mehr Wind und unangenehmer See verhält.
Wir haben Pläne geändert, Entscheidungen getroffen und auch eine Entscheidung getroffen, die wir im Nachhinein anders treffen würden.
Vor allem haben wir aber erlebt, was wir uns von diesem Boot erhofft haben:
Viserion ist nicht einfach nur unser neues Segelboot. Sie ist unser Zuhause auf dem Wasser – und mit ihr können wir unsere Pläne jederzeit ändern und einfach einen neuen Kurs setzen.
Sassnitz und der SailGP müssen also noch etwas warten.
Dänemark war ein ziemlich guter Ersatz.
Und wenn das die erste richtige Reise der Viserion war, dann sind wir sehr gespannt
darauf, was die nächsten Jahre noch für uns bereithalten.
Die erste Reise ist geschafft.






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