Medizin an Bord – Zwei Tage, die jeder Skipper erlebt haben sollte
- Christian Nüßer

- vor 16 Stunden
- 2 Min. Lesezeit
Dieses Wochenende habe ich bei der Segelschule Sailing Island den Kurs „Medizin an Bord“ absolviert – ein Thema, das man gerne theoretisch abhakt, aber auf Langfahrt eine ganz andere Dimension bekommt.
Gerade mit Blick auf unsere Törns mit der SY Viserion und die geplanten Atlantik- und Langfahrtprojekte ist klar: Offshore gibt es keinen Rettungswagen. Kein Krankenhaus. Keine schnelle Hilfe. Es gibt nur dich, deine Crew – und dein Wissen.

Warum dieser Kurs für mich wichtig war
Auf See verändert sich alles:
Entfernung zum nächsten Hafen
Verzögerte Evakuierung
Funkärztliche Beratung statt direkter ärztlicher Behandlung
Improvisation mit Bordmitteln
Schon der Kursablauf zeigt, wie praxisnah die Inhalte aufgebaut sind:
Tag 1:
Untersuchungsmethoden, Luftnot, Brustschmerz, Verbrennungen, Wundversorgung, Medikamentengabe, Seekrankheit, Ertrinken, Bewusstseinsstörungen.
Tag 2:
Bauchschmerzen, Frakturen, Reanimation, Defibrillation, Kommunikation und Bergung – inklusive Testat.
Es ging nicht um „Erste Hilfe light“, sondern um ernsthafte medizinische Szenarien auf See.
Besonders eindrücklich: Struktur statt Panik
Was mir besonders gefallen hat: Die klare Systematik.
Beispiel: Das Formular zur funkärztlichen Beratung.
Dort wird exakt abgefragt:
Vitalparameter (Puls, Blutdruck, Atemfrequenz)
Bewusstseinslage
Hauptsymptom (Brustschmerz, Luftnot, Bauchschmerz etc.)
Verlauf und Auslöser
Medikamente
Diese Struktur nimmt dir im Ernstfall die größte Gefahr: Chaos im Kopf.

Praxis, Praxis, Praxis
Wir haben nicht nur gesprochen – wir haben gemacht:
Blutdruck messen ohne Stethoskop
Brandwunden korrekt versorgen (Seite 13 )
Intramuskuläre Injektionen üben
Subkutane Zugänge legen
Infusion vorbereiten
Wunden nähen
Blutzucker messen
Frakturen mit Cast-Schienen stabilisieren
Reanimation & Defibrillation
Besonders eindrücklich war die Wundnaht.
Das klingt harmlos – ist es aber nicht. Sauber arbeiten, sterile Handschuhe korrekt anziehen, lokale Betäubung setzen, Einzelknopfnaht setzen, korrekt verknoten.
Nach dem Wochenende weiß ich:
Ja, ich traue mir das zu – aber nur mit Vorbereitung und klarer Entscheidung.

Medikamentenlogik statt „Apotheke mitnehmen“
Sehr hilfreich fand ich die strukturierte Medikamentenempfehlung (Seite 9–10 ).
Die Einteilung in Kategorien:
Kategorie 1 → Standardausrüstung
Kategorie 2 → für längere Törns
Kategorie 3 → nur bei entsprechender Kompetenz
Das passt perfekt zu unserer Langfahrtplanung.
Für die Viserion werde ich unsere Bordapotheke jetzt strukturiert überarbeiten – nicht mehr „was man halt so hat“, sondern nach System.

Der wichtigste Moment: Reanimation
Am zweiten Tag ging es um lebensbedrohliche Situationen.
Reanimation üben, Defibrillator anwenden, Esmarch-Griff zur Atemwegssicherung.
Diese Übungen verändern etwas.
Sie nehmen die Hemmung.
Sie schaffen Handlungssicherheit.
Und sie machen auch demütig.
Meine wichtigsten Learnings
Struktur rettet Leben.
Formulare und Checklisten sind kein Bürokratiekram – sie sind Entscheidungsinstrumente.
Sauberkeit ist alles.
Hygiene entscheidet über Infektion oder Heilung.
Kommunikation ist Teil der Medizin.
Funkärztliche Beratung muss vorbereitet, strukturiert und klar sein.
Wissen reduziert Angst.
Der größte Stress entsteht aus Unsicherheit.
Vorbereitung ist Skipperpflicht.
Medizin an Bord ist keine Option – sie ist Verantwortung.

Fazit
Für uns als Langfahrtsegler – gerade mit Blick auf Atlantikroute oder weitergehende Pläne – gehört ein solcher Kurs zur Grundausstattung.
Nicht, weil man hofft, ihn zu brauchen.
Sondern weil man weiß, dass man vorbereitet sein muss.
Ich kann den Kurs bei Sailing Island absolut empfehlen.
Zwei intensive Tage.
Viel Praxis.
Und ein deutlich besseres Gefühl für Verantwortung an Bord.
Für die Viserion heißt das konkret:
✔ Bordapotheke neu strukturieren
✔ Formulare vorbereiten
✔ Crew vor Törnbeginn briefen
✔ Szenarien durchsprechen
Medizin an Bord beginnt nicht im Notfall.
Sie beginnt in der Vorbereitung.








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