#V2 fünf Tage, drei Freunde und ein Ballen Seegras
Mit der SY Viserion von Neustadt über die Trave und Kühlungsborn nach Wismar – und über Boltenhagen zurück

Manchmal braucht es keinen großen Plan und kein weit entferntes Ziel. Manchmal reichen fünf Tage, drei Freunde, eine Segelyacht und die Ostsee.
Mitte September waren wir mit der SY Viserion unterwegs. Mit an Bord: Christian, Thomas und Timo. Fünf Tage wollten wir uns Zeit nehmen – zum Segeln, Ankern, Entdecken und natürlich auch für das eine oder andere Projekt an Bord.
Aus einem kleinen Törn wurden fünf ziemlich abwechslungsreiche Tage: ein traumhafter Ankerabend in der Trave, ein langer Schlag nach Kühlungsborn, Wismar bei Nacht und am nächsten Morgen zu Fuß, ordentlich Segeln, ein gemeinsamer Bastelabend, die Seenotretter im Bordkino und schließlich ein ganz besonderer „Fang“ vor Boltenhagen.
Und dann war da noch unser Spruch der Woche …
Montag – Leinen los und ein perfekter Ankerabend
Am Montagnachmittag hieß es in der ancora Marina in Neustadt: Leinen los!
Um 13:48 Uhr starteten wir und schon kurze Zeit später konnten wir die Segel setzen und den Motor abstellen. Das Ziel für unseren ersten Tag war bewusst kein Hafen. Wir wollten in die Trave und dort die erste Nacht vor Anker verbringen.
Nach 15,2 Seemeilen, davon 9,1 unter Segeln, erreichten wir am frühen Abend unseren Ankerplatz. Um 18:24 Uhr fiel der Anker.
Und besser hätte dieser Törn kaum beginnen können.

Fast spiegelglattes Wasser, die bewaldeten Ufer der Trave und ein wunderschöner Sonnenuntergang. Später spiegelten sich Himmel und Wolken auf der vollkommen ruhigen Wasseroberfläche.
Genau für solche Abende lieben wir das Ankern.

Kein Hafenbetrieb, keine Nachbarlieger und kein Programm. Einfach im Cockpit sitzen, etwas trinken und beobachten, wie langsam die Dunkelheit über das Wasser zieht.
Spätestens jetzt war der Alltag weit weg.
Dienstag – fast 40 Seemeilen nach Kühlungsborn
Am nächsten Morgen hieß es Anker auf und weiter Richtung Osten.
Um 08:15 Uhr starteten wir, zunächst noch unter Motor. Um 09:35 Uhr standen die Segel und der Motor konnte wieder ausgeschaltet werden. Vor uns lag der längste Schlag der ersten beiden Tage.

Und es wurde ein richtig schöner Segeltag.
Stundenlang lief die Viserion unter Segeln Richtung Kühlungsborn. Irgendwo unterwegs fiel dann auch jener Satz, der uns für den Rest der Woche begleiten sollte:
Spruch der Woche:
„Willst du wirklich die Wende selber fahren? Das macht doch der Autopilot.“
Vielleicht ist das die Kehrseite moderner Navigationstechnik: Irgendwann erscheint selbst eine Wende von Hand als unnötiger Aufwand.

Am späten Nachmittag erreichten wir Kühlungsborn. Am Ende standen 39,6 Seemeilen im Logbuch – davon stolze 33,8 Seemeilen unter Segeln.
Ein richtig guter Segeltag.

Kühlungsborn – Hafen, Ostsee und drei Freunde in der Fotobox
Kühlungsborn ist für einen Törn entlang der Mecklenburgischen Ostseeküste ein schöner Zwischenstopp. Die Marina liegt unmittelbar an der Küste und vom Boot aus ist man schnell an der Promenade und im Ort.
Nach fast 40 Seemeilen durfte es am Abend allerdings auch etwas weniger nautisch zugehen.
Und so entstand in einer Fotobox eines der Bilder, das den Törn wahrscheinlich besser beschreibt als jede Logbuchseite: drei Freunde, gemeinsam unterwegs und offensichtlich ziemlich zufrieden mit dem bisherigen Verlauf der Reise.

Genau darum ging es bei diesen fünf Tagen schließlich auch.
Nicht möglichst viele Meilen abzuhaken, sondern gemeinsam eine gute Zeit auf dem Wasser zu haben.
Mittwoch – ein langer Tag unter Segeln
Am Mittwoch ging es weiter.
Um 08:58 Uhr legten wir ab. Nur 28 Minuten später standen die Segel und der Motor war wieder aus.
Danach durfte die Viserion zeigen, wofür sie gebaut wurde.
Stunde um Stunde ging es unter Segeln weiter. Erst gegen 18 Uhr machten wir wieder fest. Damit lagen zwischen Segelsetzen und Anlegen rund achteinhalb Stunden.
Unser Ziel war diesmal Wismar.

Nach dem langen Tag auf dem Wasser machten wir am Abend fest und ließen den Tag an Bord ausklingen.
Und nachts zeigte sich der Alte Hafen noch einmal von einer ganz anderen Seite: ruhiges Wasser, die Lichter am Kai und mittendrin die Viserion.
Einer dieser Momente, in denen man beim Weggehen noch einmal zurück zum Boot schaut.
Donnerstagmorgen – Wismar zu Fuß
Unsere Stadtbesichtigung von Wismar starteten wir erst am nächsten Morgen.
Und das war eine gute Entscheidung.
Nach dem Frühstück ging es zu Fuß los. Gerade für Segler ist Wismar ein tolles Ziel, denn vom Hafen aus ist man praktisch sofort mitten in der historischen Stadt.
Alte Speicher, Backsteinbauten, Fachwerk und die Atmosphäre der alten Hansestadt machen den Landgang zu einem echten Bestandteil des Törns – und nicht nur zu einer Gelegenheit, Proviant zu kaufen.
Nach mehreren Tagen an Bord tat es außerdem ganz gut, einmal etwas länger die Beine zu vertreten.
Aber irgendwann zieht es einen dann doch wieder zurück aufs Wasser.
Donnerstag – raus aus Wismar und Richtung Boltenhagen
Um 11:06 Uhr verließen wir Wismar.
Gerade einmal 16 Minuten später waren die Segel gesetzt und der Motor wieder aus. Diesmal hatten wir etwas mehr Wind: Das Logbuch zeigt unterwegs etwa 14 bis 15 Knoten, während die Viserion immer wieder mit rund 6 bis 7 Knoten durchs Wasser lief.
So macht Segeln Spaß.

Unser Ziel für den Nachmittag war diesmal wieder kein Hafen.
Wir wollten vor Boltenhagen ankern.
Und dabei gelang uns der wahrscheinlich außergewöhnlichste Fang des gesamten Törns.
Unser großer „Angelerfolg“
Beim ersten Ankerversuch vor Boltenhagen merkten wir, dass irgendetwas nicht so lief wie geplant.
Also Anker wieder hoch.
Und mit ihm kam eine beeindruckende Menge Ostseevegetation an die Oberfläche.
Wir hatten einen riesigen Ballen Seegras gefangen.

Das Foto davon spricht eigentlich für sich. Für drei Männer ohne nennenswerte Angelambitionen war die Größe des Fangs durchaus respektabel.
Nur mit dem Abendessen wurde es schwierig.
Also Seegras vom Anker entfernen und das Ganze noch einmal.
Beim nächsten Versuch klappte es besser und schließlich lag die Viserion sicher vor Boltenhagen vor Anker. Um 15:54 Uhr war Schluss für diesen Segeltag.
Nach dem Segeln plötzlich den Motor auszuschalten und vor der Küste zur Ruhe zu kommen, gehört für uns mittlerweile zu den schönsten Momenten eines Törns.
Und an diesem Abend hatten wir zusätzlich etwas zu erzählen.
Basteln gehört natürlich auch dazu
Fünf Tage auf der Viserion verbringen, ohne irgendetwas zu optimieren?
Eher unwahrscheinlich.
Also wurde aus einem gemütlichen Abend irgendwann ein gemeinsamer Bastelabend.

Ein paar Kleinteile auf dem Tisch, Werkzeug dazu, etwas zu trinken – und schon war die nächste Optimierungsrunde eröffnet.
Eigentlich gehört genau das zum Kennenlernen eines Bootes dazu. Erst wenn man mehrere Tage hintereinander an Bord lebt, merkt man, welche Dinge im Alltag richtig gut funktionieren und wo man noch etwas verändern möchte.
Und wenn drei Männer gemeinsam an einem Problem arbeiten, gibt es selbstverständlich für jedes Problem mindestens vier Lösungen.
Bordkino: die Seenotretter
Nach getaner Arbeit wechselten wir vom Werkzeug zum Bordkino.
Abends schauten wir gemeinsam in der ARD Mediathek eine Dokumentation über die Seenotretter.
Natürlich kennt jeder Segler die Arbeit der Seenotretter. Aber wenn man selbst gerade mehrere Tage auf der Ostsee unterwegs ist, wirken die Einsätze noch einmal anders.
Man erkennt Situationen, Wetterbedingungen und Orte wieder und bekommt gleichzeitig einen Eindruck davon, was passiert, wenn aus einem Problem auf See plötzlich ein echter Notfall wird.
Ein ziemlich passendes Abendprogramm für einen Segeltörn.
Freitag – zurück nach Neustadt
Und dann war tatsächlich schon wieder Freitag.
Nach fünf Tagen ging es zurück Richtung Neustadt und damit zum Ausgangspunkt unseres kleinen Ostseetörns.

Fünf Tage sind eigentlich nicht besonders lang.
Trotzdem fühlte es sich nach deutlich mehr an.
Wir hatten lange Tage unter Segeln, einen traumhaften Sonnenuntergang vor Anker in der Trave, einen langen Schlag nach Kühlungsborn, Wismar bei Nacht und am nächsten Morgen zu Fuß, ordentlich Wind auf dem Weg nach Boltenhagen und zwei völlig unterschiedliche Nächte vor Anker.
Wir haben gemeinsam gebastelt, die Seenotretter geschaut, viel geredet und wahrscheinlich noch mehr gelacht.
Und wir haben die Viserion wieder ein Stück besser kennengelernt.
Was bleibt?
Interessanterweise sind es nach einem solchen Törn nicht unbedingt die großen Dinge, an die man sich zuerst erinnert.
Es ist der Moment, wenn nach dem Segelsetzen der Motor ausgeht und plötzlich nur noch Wind und Wasser zu hören sind.
Der erste Kaffee am Morgen mit Blick auf eine spiegelglatte Trave.
Die Bilder aus der Fotobox in Kühlungsborn.
Die Viserion nachts am Kai in Wismar.
Drei Männer beim gemeinsamen Basteln am Salontisch.
Oder eben der Moment, in dem vor Boltenhagen ein riesiger Ballen Seegras am Anker aus dem Wasser auftaucht.
Und wahrscheinlich werden wir uns noch lange an die Frage erinnern:
„Willst du wirklich die Wende selber fahren? Das macht doch der Autopilot.“
Am Ende war es genau die Art von Törn, die wir uns gewünscht hatten:
Fünf Tage. Drei Freunde. Viel gesegelt. Schön geankert. Ein bisschen gebastelt. Viel gelacht. Und definitiv Lust auf mehr.
Zum Nachsegeln:







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